Das taktile System – welche Aufgabe hat das größte
Wahrnehmungssystem des Pferdes?

Das taktile System – welche Aufgabe hat das größte Wahrnehmungssystem des Pferdes?

Das taktile System ist die Wahrnehmung in der Oberflächensensibilität, der sogenannte Tastsinn, bei dem die Reize von den Sensoren der Haut aufgenommen werden. Welche Funktion das taktile System für dein Pferd hat und was passiert, wenn die taktile Reizverarbeitung nicht adäquat funktioniert, erfährst du hier.

Das taktile System gehört mit dem propriozeptiven System (Tiefensensibilität) und dem vestibulären System (Gleichgewichtssinn) zu den Basissinnen des Pferdes. Das taktile System ist das erste Sinnessystem, das sich im Mutterleib bildet. Vom menschlichen Fötus weiß man beispielsweise, dass er bereits um die fünfte bis siebte Schwangerschaftswoche auf Berührungen an den Lippen reagiert. Schon vor der Geburt ist das taktile System voll entwickelt und es stellt eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Nerven dar.

Kenntnis von den Grenzen des eigenen Körpers

Das taktile System vermittelt Kenntnis von der Ausdehnung
und den Grenzen des eigenen Körpers, es lässt das Pferd fühlen und zeigt ihm,
wo es beginnt und wo es aufhört, weil die auftreffenden Reize lokalisiert
werden können. Es ist das größte Wahrnehmungssystem, denn es umfasst die
gesamte Hautoberfläche, inklusive der Hufe, die ein Hautanhangsgewebe darstellen.
Außerdem ist das taktile System der erste Basissinn, mit dem man in Kontakt
kommt, beispielsweise indem man das Pferd an seiner Hand schnuppern lässt oder
es streichelt.

In der gesamten Haut verteilt befinden sich Sensoren, die die verschiedenen Umweltreize, mit denen ein Pferd in Berührung kommt, aufnehmen und weiterleiten. Das können sein: Druck, Berührung, Dehnung, Vibration oder Temperatur. Doch auch Juckreiz, Schmerz und sogar der Sauerstoffgehalt der Luft werden von den Sensoren der Haut wahrgenommen.

Das taktile System ist das größte Wahrnehmungssystem des Pferdes und der erste Basissinn, der pränatal gebildet wird

Alle diese wahrgenommenen Reize werden an das Zentrale Nervensystem weitergeleitet, wo sie mit Gefühlen wie heiß oder kalt, rau oder schmerzhaft, verbunden werden und zu entsprechenden Reaktionen führen. Registrieren beispielsweise die Thermosensoren der Haut dass ein kalter Wind weht, gibt das ZNS den Haarbalgmuskeln den Befehl, die Haare zu einer wärmenden Schicht aufzustellen und sorgt dafür, dass sich die Arterien mit Muskelhilfe verengen, um den Wärmeverlust durch eine Beschränkung des Blutflusses zu reduzieren. (Hier bei Sportsfreund Studios gibt es übrigens einen ganz tollen und informativen Text zum Thema Hitzeregulierung und Schwitzen, den ich dir sehr empfehlen kann.)

Die Reizverarbeitung

Ein kleiner Exkurs zum Thema Reizverarbeitung: Umweltreize wie Berührung, Druck, Bewegung, Dehnung oder Geräusche werden vom Pferd über die Sensoren der Sinnesorgane wahrgenommen, die sie über verschiedene Nervenbahnen an das Zentrale Nervensystem (ZNS) weiterleiten. Dort werden die jeweiligen Informationen verarbeitet, gespeichert und bewertet. Anschließend gibt das ZNS entsprechende Befehle an die Muskeln, das Gewebe oder die Organe weiter, die dann eine entsprechende Aktion auslösen. Bei einer Fahrt im Anhänger beispielsweise registrieren die Sensoren unter anderem die Bewegungen des Pferdeanhängers und geben dies an das ZNS weiter. Das ZNS gibt den entsprechenden Muskeln Befehle, damit diese entsprechend reagieren und das Pferd die Bewegung ausbalancieren kann. Dies alles passiert ständig und in Millisekunden und immer werden alle drei Basissinne angesprochen. Und je häufiger die Nervenleitungsbahnen genutzt werden und je breiter die einzelnen Sinneskanäle des Pferdes stimuliert werden, desto besser funktionieren sie und desto natürlicher und leichter werden beispielsweise die Bewegungen des Pferdes. Findet die Weiterleitung von Reizen nicht entsprechend statt, entstehen Probleme bei der Wahrnehmungsverarbeitung. In meinem Beitrag über Pferdeergotherapie erzähl ich dir mehr darüber, was es mit der Reizverarbeitung auf sich hat.

Ein adäquat funktionierendes taktiles System ist wichtig,
damit das Pferd weiß, wo sein Körper endet. Dies ist wichtig, wenn es
beispielsweise dicht an einem Baum vorbeigehen muss. Es muss einschätzen
können, wie viel Platz es hat, damit es nicht mit dem Körper am Baum
entlangstreift. Auch in Bezug auf das Schmerzempfinden ist ein funktionierendes
taktiles System wichtig.

Störungen im taktilen System

Wenn im taktilen System Störungen vorliegen, kann es sein,
dass die Reize entweder gesteigert oder vermindert wahrgenommen werden. Das
heißt ein Pferd kann nicht genau ausmachen, wo es berührt wird oder es reagiert
auf Berührungen sehr stark. Im Pferdealltag zeigen sich mögliche Störungen,
indem ein Pferd möglicherweise sehr tollpatschig ist und ständig irgendwo
gegenläuft oder sich nicht gern einsprühen lässt, weil es vielleicht den
diffusen Reiz als unangenehm empfindet. Möglicherweise hat es aber auch Probleme
mit Vibration – zum Beispiel bei der Schermaschine oder dem Schmied. Oder es
mag sich an einigen Körperstellen nicht gerne anfassen lassen und ist berührungsempfindlich
und zeigt dies, indem es sich verspannt, der Berührung ausweicht und im
schlimmsten Fall sogar beißt oder tritt. Andere Pferde wiederum haben Probleme
mit dem Anlegen des Sattelgurtes oder reagieren sehr stark auf Fliegen im Sommer.

Viele Pferde leiden an Gurtzwang. Hier kann ein Pferdeergotherapeut dem Pferd helfenDas taktile System schulen

Das taktile System lässt sich schulen, indem die Sensoren
regelmäßig mit unterschiedlichen Reizen stimuliert werden – und davon
profitiert jedes Pferd. Denn je besser die Wahrnehmungsverarbeitung
funktioniert, desto besser sind die eigene Körperwahrnehmung und die
Handlungsfähigkeit im Pferdealltag.

Der Offenstall bietet viele taktile Reize

Ein Offenstall, der dem Pferd verschiedene Untergründe (Erde, Sand, Paddockplatten, Betonplatten oder Schotter), unterschiedlichen Schubberstellen (Baumstämme, Bürsten, Gumminoppen) oder beispielsweise Lamellen vor dem Stalleingang bietet, hält bereits jede Menge unterschiedliche taktile Reize parat.

Sensoren stimulieren

Darüber hinaus kann jeder Pferdebesitzer das taktile System seines Pferdes schulen, indem er regelmäßig die Sensoren mit unterschiedlichen Reizen stimuliert. Mögliche Reize sind:

den Pferdekörper mit der Hand berühren, ihn mit
der flachen Hand abstreichen oder die Finger wie Regentropfen auf die Haut
trommeln lassendas Pferd mit unterschiedlichen Bürsten und mal
mehr und mal weniger Druck putzen das Pferd mit einer Gerte abstreichendas Pferd einsprühendas Pferd mit einem Igelball oder einer
Faszienrolle abrollendas Pferd mit nassen, unterschiedlich
temperierten Schwämmen abtupfendas Pferd über verschiedene Untergründe wie
Rasen, Asphalt oder Schotter laufen lassen mit Körperbändern trainierenMit Massagebürsten lässt sich das taktile System deines Pferdes stimulieren. Du findest die Bürste hier bei mir im Shop.

Bei jeder Übung musst du dein Pferd ganz genau beobachten und auf Zeichen der Überforderung oder Überstimulation achten: Wie sieht die Mimik des Pferdes aus, legt es vielleicht die Ohren an und zeigt, dass ihm etwas unangenehm ist? Weicht es indem aus? Was macht der Muskeltonus? (Hier kannst du mehr darüber erfahren, was dir der Gesichtsausdruck deines Pferdes verrät.)

Um das Pferd langsam an neue Reize zu gewöhnen, sollte
idealerweise an einer Stelle begonnen werden, an der das Pferd Berührungen
gewohnt ist – beispielsweise an der Schulter. Von da aus kann man sich langsam
immer weiter forttasten und den Rücken und den Bauch, die Beine und die
Hinterhand mit einbeziehen und den Druck, die Geschwindigkeit und sowie
Bewegungsrichtung variieren.

Ganz wichtig dabei: Es geht nicht darum, ob ein Pferd etwas
gut macht oder nicht, es geht einzig darum, die Übungen auszuführen und verschiedene
Reize zu setzen, die vom Pferd verarbeitet werden müssen.

Bei konkreten Problemen wie Gurtzwang, Berührungsempfindlichkeit, Einsprühproblematik und ähnlichem ist es sinnvoll, sich Hilfe beim PFERGO-Pferdeergotherapeuten zu holen, um das taktile System mit einer entsprechenden Therapie zu schulen, die Wahrnehmungsverarbeitung zu verbessern und dem Pferd seinen Alltag zu erleichtern.

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